Sagenhaftes aus Mecklenburg
Der spukende Mann auf dem Feldweg zwischen Alt Rehse und Neu Rhäse
(Von Albert Niederhöffer)
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Welches
schweres Unrecht ist es, wenn der Mensch eine gute freundliche
Sitte nicht fein in Ehren hält, sondern sie aus argem Trotz,
oder geringschätziger Gleichgültigkeit gegen seine christlichen
Mitmenschen, vernachlässigt oder verunstaltet, beweist folgende
seltsame Geschichte, die sich auf dem Feldwege zwischen Alt
Rehse und Neu Rhäse, unweit Neubrandenburg, zugetragen hat.
Schon seit einer langen Reihe von Jahren erzählen sich die Leute, wenn zuerst das Gespräch auf solche Dinge kam, dass es wohl recht ratsam sei, diesen Feldweg Nachts oder am frühen Morgen, wenn der Tag erst zu grauen angefangen, zu passieren. Zwar wusste Niemand von etwas Schlimmen zu berichten, das sich dort zugetragen hätte, aber es stehe fest, dass dem Einen oder Andern ein Mann begegnet wäre, der nicht geheuer ausgesehen und der in unheimlicher Weise die Vorübergehenden angerufen habe und dann wieder verschwunden sei. Die Geschichte ist übrigens schon sehr, sehr lange her, und ich erzähle nur Dasjenige nach, was mir Andere vorerzählt haben. Die Umstände nämlich brachten es so mit sich, dass einst ein Bursche, Gottlieb, aus Alt Rehse bei einem Tischlermeister zu Neu Rhäse in die Lehre ging, und weil er daheim bei seinen Eltern sein Nachtlager hatte, täglich am frühen Morgen und späten Abend über jenen Feldweg musste. So wanderte denn nun eines schönen Morgens wieder, singend und pfeifend, den einsamen Weg. Heute hatte er sich etwas früher auf die Sohlen gemacht, denn die ersten Zeichen des dämmernden Tages begannen sich kaum zu zeigen. Eben hatte er den halben Weg zurückgelegt und war bei einer Hecke angekommen, welche ehemals dazu diente den Besitz eines Bauern abzutrennen. Diesen Bauern nannte man bei seinen Lebzeiten, weil er immer gar kurz in seiner Rede angebunden, den „barschen Kunzen“. Hier also trat unserem Gottlieb plötzlich ein Mann in den Weg, der ihm in hartem Tone die Worte zurief: „Morgen! Morgen!“ Der arme Junge erschrak, dass ihm die Knie schlotterten, sprang aber in seiner Angst fix auf die Seite, worauf die geisterhafte Erscheinung ebenso spurlos wieder verschwand. Dieselbe Geschichte begegnete ihm am folgenden und dritten Tage, und jedes Mal verschwand der Mann, ohne dass er hätte sagen können, wo er geblieben. Zitternd und bebend erzählte er diese Begebenheit seinen Eltern, seinem Meister, dessen Frau, kurz allen Bekannten, die ihm zuhören mochten. Endlich, und weil der geängstigte Junge sich weigerte, ferner den Weg allein in so früher Morgenstunde zu gehen, kam man überein, des Pastors Rath und Beistand zu erbitten. Dieser, ein gar würdiger Mann, der ein reines Gewissen hatte und ein tugendsames Leben führte, erklärte sich bereit, den Lehrjungen zu begleiten. Am folgenden Morgen früh machten sie sich nun gemeinsam auf den Weg. Der Prediger hatte die heilige Schrift, der Lehrbursche aber sein Gesangbuch mitgenommen. Als sie sich den alten Hecken näherten, flüsterte der Junge: „Sehen Sie nur, Herr Pastor, dort kommt er schon!“ Und wirklich, er hatte recht. Der Geist, denn als solchen erkannte ihn der Seelsorger sofort, trat ihnen entgegen und sagte zweimal mit barscher Stimme: „Morgen! Morgen!“ – „Heut ist nicht Morgen,“ entgegnete der Pastor beherzt, „aber ich sage Euch einen christlichen guten Morgen!“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als der Geist in mildem Tone erwiderte: „Dank Euch tausendmal, ehrwürdiger Herr! schon seit dreißig Jahren habe ich auf diese Worte gewartet, denn wisst, während meiner Lebenszeit habe ich immer nur „Morgen“ und „Tag“, statt „guten Morgen“ und „guten Tag“ gesagt. Deshalb musste ich, zur Strafe dafür, so lange umgehen, bis mich Jemand erlösen werde, wie Ihr es jetzt getan habt“. Darauf verschwand er, und von der Zeit an ist es bei Tag und bei nacht auf dem Feldwege zwischen Alt Rehse und Neu Rhäse wieder geheuer.
(Verkürzt aus „Mecklenburg’s Volkssagen“ von Albert Niederhöffer) |

